Vor wenigen Jahren ging es in Vorstandsetagen vieler technologieaffiner Banken und Vermögensverwalter noch oft um die Frage, ob und in welchem Maß Distributed-Ledger-Technologie (DLT) die eigenen Provisionserlöse beeinflussen würde. Im Fokus standen Kryptowährungen im Brokerage- und Wertpapiergeschäft sowie Stablecoins im Zahlungsverkehr.
Kryptowährungen sind heute zu einem Hygienefaktor geworden. Allein in Deutschland halten sie mehr als acht Millionen Menschen. Viele davon sind mehrheitlich nicht bei ihrer Hausbank geblieben und haben nicht selten auch klassisches Wertpapiergeschäft in ein neues Depot bei Kryptobörsen, Neobrokern und anderen Anbietern übertragen. Gleichzeitig übersteigt das weltweite tägliche Transaktionsvolumen von Stablecoins bereits das von Visa und Mastercard (Morph, 2026).
Neben klassischen Renditeerwartungen fasst DLT in diesen Bereichen auch aus technologischen Gründen zuerst Fuß. Die Technologie kann vor allem Prozesse unterstützen, bei denen Inhaberschaften häufig nachgewiesen und übertragen sowie Register zwischen mehreren Beteiligten synchronisiert werden müssen. Genau diese Vorgänge prägen das Wertpapiergeschäft und den Zahlungsverkehr.
Der bisher niedrige Stellenwert dieser Erlöskomponenten in der Gesamt-GuV erklärt, warum dieser „DLT-Primäreffekt“ in vielen Vorstandsetagen noch nicht an erster Stelle steht. Das gilt insbesondere für Sparkassen und Genossenschaftsbanken, aber auch für einige Universal- und Landesbanken.
Aus Sicht von FinPlanet wird dieser Primäreffekt in den kommenden zwei bis drei Jahren spürbar an Bedeutung gewinnen. Treiber sind die zunehmende Akzeptanz von Kryptowährungen und Stablecoins sowie insbesondere die Tokenisierung klassischer Vermögenswerte wie Aktien und Anleihen. Fortschritte zeigen sich bereits im Vertrieb und in der tieferen Integration in die Backoffice-Infrastruktur.
Mit Blick auf die kommenden drei bis fünf Jahre erwarten wir einen zunehmenden Einfluss von DLT auf das Einlagengeschäft und von dort auch auf das Kreditgeschäft. Dieser „DLT-Sekundäreffekt“ wirkt damit nicht mehr nur in teils peripheren Bereichen des Provisionsergebnisses, sondern im Zinsergebnis – im Herzen der GuV einer klassischen Geschäftsbank.
Im Einlagengeschäft sehen wir bereits heute, insbesondere in den USA, erweiterte Möglichkeiten für Unternehmen, institutionelle Anleger und Privatkunden, liquide Mittel zu halten und zu verwenden (The Block und Danga, 2026). Dazu gehören Stablecoin-basierte Zahlungslösungen wie Stripe, Coinbase Payments oder PayPal mit PYUSD. Künftig könnte auch digitales Zentralbankgeld wie der digitale Euro dazugehören. Private Marktteilnehmer dürften davon trotz Mengenbegrenzungen deutlich mehr halten als heute an Bargeld. Zugleich entwickeln Marktakteure Lösungen, um tokenisierte Geldmarktfonds direkt für Zahlungen nutzbar zu machen. Heutige außerbörsliche Anwendungsfälle wie UnitPlus sind Vorboten.
Künstliche Intelligenz könnte künftig für jede Zahlung den passenden Zahlungsweg auswählen, ohne dass Kunden es überhaupt bemerken. Entscheidend sind Kosten, Geschwindigkeit, Liquiditätsbedarf und Gegenparteirisiko im zunehmenden Wettbewerb der Zahlungswege (Davidovic und Tourpe, 2026).
All diese Liquiditätsformen gehen zulasten klassischer Bankeinlagen, denn die Tokenisierung verändert nicht das Gesamtvolumen der verfügbaren liquiden Vermögenswerte.
Auch Giralgeld und damit Bankeinlagen werden teilweise tokenisiert, wie etablierte Beispiele zeigen (JPMorgan und Oliver Wyman, 2023; EBA, 2024). Neben dem Rückgang klassischer, nicht tokenisierter Giralgeldbestände dürfte sich auch deren Haltedauer verkürzen. Die neuen Liquiditätsformen sind leichter übertragbar, besser vergleichbar und kurzfristiger umschichtbar.
Damit gerät der bisher stabile Bestand günstiger Sichteinlagen zunehmend unter Druck. Banken müssen abfließende Einlagen durch teurere Finanzierung ersetzen oder ihre Bilanz verkleinern. Beides belastet das Zinsergebnis.
Fehlende Einlagen aus klassischem Giralgeld stehen anschließend auch nicht mehr für das Kreditgeschäft zur Verfügung. Zugleich verändert sich das verbleibende Kreditgeschäft: Tokenisierte Wertpapiere gewinnen als Sicherheiten an Bedeutung (JPMorgan, 2025). Sie lassen sich leichter übertragen. Zudem sind auf der Blockchain neue Kreditmärkte entstanden, auf denen digitale Vermögenswerte als Sicherheiten eingesetzt werden können. Kreditabteilungen müssen solche Sicherheiten bewerten, überwachen und verwerten können.
Auch der Handel mit Kreditrisiken, digitale Verbriefungen sowie die Steuerung von Liquidität und Sicherheiten im Treasury gewinnen an Bedeutung oder verändern sich grundlegend. Ein erleichterter Kapitalmarktzugang kann insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen. Das erhöht den Wettbewerb mit dem klassischen Kreditgeschäft, schafft für Banken zugleich neue Ertragspotenziale, etwa bei Strukturierung, Platzierung, Verwahrung und Abwicklung digitaler Finanzinstrumente.
Die Schlussfolgerung ist klar: DLT wird sich schrittweise auf nahezu alle Ertragsdimensionen einer Bank auswirken. Die Provisionseffekte verstärken sich weiter, während DLT über das Einlagen- und Kreditgeschäft ins Zentrum des Zinsergebnisses rückt.

Jetzt ist der Zeitpunkt, die Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell zu verstehen und die daraus entstehenden Risiken und Chancen aktiv zu gestalten. Banken und Vermögensverwalter sollten ihren Blick weiten: Neben dem Exposure auf der Provisionsseite ist auch die Zinsseite zu betrachten.
Zu Beginn einer Wirkungsanalyse sollten Banken beispielhaft folgende Fragen beantworten:
Welche Effekte auf das Provisionsergebnis in den kommenden fünf Jahren haben:
Welche Effekte auf das Zinsergebnis in den kommenden fünf Jahren haben:
Dazu gehören auch die Analyse der Positionierung von Wettbewerbern und bestehenden Partnern sowie eine Ökosystemkarte relevanter neuer Akteure.
Auf dieser Grundlage sollten Banken entscheiden, welche Rollen sie im entstehenden Markt wirtschaftlich und strategisch besetzen können und wollen.